Buch: Wenn das der Führer sähe ...


Wenn das

der Führer sähe …

 

Von der Hitlerjugend in

die Fänge Filbingers.

Ein deutsch-schlesisches Kriegsdrama 

(Doku-Roman.)

 
Acabus Verlag, Hamburg 2016.
 


Rezension:


Rezension:

In einem Gespräch mit Susanne Tenzler-Heuser beschreibt Jacqueline Roussety die Hintergründe zum Buch und ihre Sicht zu Parallelen zur Gegenwart.

www.lesering.de - Interview mit Susanne Tenzler-Heuser


Inhaltsangabe:

  

Jacqueline Roussety beschreibt in ihrem wissenschaftlich-literarischen Doku-Roman „Wenn das der Führer sähe…“ in schonungsloser Offenheit, welche Auswirkungen der Faschismus auf Familienstrukturen in Schlesien bis heute hat.

 

Vor rund zehn Jahren begegneten sich die beiden Frauen zum ersten Mal: Johanna Gröger aus Schlesien und Jacqueline Roussety aus Berlin. Aus einer Begegnung wurden unzählige Gespräche – über viele Monate hinweg. Johanna Gröger faszinierte – und das auf eigenartige Weise. Mit ihren 84 Jahren – sie war Jahrgang 1928 – wollte und musste sie unermüdlich dem „national neu erwachten Deutschland“ die Geschichte vom ungerechten Tod ihres Bruders erzählen. Eben diese persönliche Geschichte hatte Jacqueline Roussety berührt. Es erfüllte sie mit Respekt, „wie diese alte Frau um die Würde ihres Bruders kämpfte, der, wie sich im Nachhinein herausstellte, in diesem apokalyptischen Krieg einen sinnlosen Tod sterben musste. Ein Schicksal, das viele andere Soldaten, aber auch Männer in Zivil, Frauen und Kinder erlitten.“

 

Walter Gröger: ein Schicksal so beispielhaft

Walter Gröger wurde 1945 im März hingerichtet – so viel stand fest. Auch, das für seinen Tod Dr. Hans Karl Filbinger maßgeblich verantwortlich war. Aber warum? Wer war dieser Walter Gröger, der nur 22 Jahre alt wurde, der eine Vergangenheit hatte, aber keine Zukunft bekam. Das Bild von Walter Gröger lässt Roussety nicht mehr los. Seite um Seite trug Roussety Recherchen zusammen, zehn Jahre lang sammelte sie Hunderte von Kopien, Zeitungsausschnitten und Interviews.

 

„Walter – er stand für mich auch stellvertretend für insgesamt 30 000 wegen Desertion verurteilten Wehrmachtsoldaten; davon etwa 20 000 Urteile vollstreckt, verhängt von deutschen Richtern gegen junge Männer, die sich, sicherlich in einer hoffnungslosen Lage, gegen diesen aussichtslosen Krieg entschieden hatten. … Demgegenüber stand ein Mann, der 93 Jahre alt werden durfte, immer gut gelebt hat, immer genügend Geld besaß, ohne Unterbrechung in der Politik tätig war – selbst nachdem er hatte zurücktreten müssen. Die Lebensläufe von Walter Gröger (1922–1945) und Dr. Hans Karl Filbinger (1913–2007) konnten nicht unterschiedlicher sein. Ihrer beider Begegnung im März 1945 zog für den einen eine „politische Affäre“ nach sich, für den anderen bedeutete sie den frühen, aus heutiger Sicht ungerechten Tod.“

 

Mohrau: schlesisches Leben in den 30er Jahre

Walter Gröger wuchs im schlesischen Mohrau auf. Seine Schwester Johanna Gröger sagte als alte Frau: „Wir hatten für die Folgen des Nationalsozialismus mehr zu bluten als viele andere, die trotz der Kriegswirren in ihrer Stadt oder in ihrem Dorf bleiben konnten“. … Man sagt, dass ungefähr vierzehn Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten geflohen sind oder vertrieben wurden, natürlich ein Großteil Frauen und Kinder. Diese Völkerwanderung löste Chaos aus. Wie viele Kinder wurden von ihrer Mutter getrennt! Jahrzehntelang gab es noch Suchaktionen von Verzweifelten, die hofften, das Kind zu finden, das in den Wirren der Flucht verloren gegangen war. Irgendwann erreichte man eine neue Bleibe, die einem zugeteilt wurde. Das war wie eine leere Hülle. Keine vertrauten Gesichter, kein Heimatgefühl, nichts, was mit Vergangenheit zu tun hatte. Der Krieg war zu Ende, aber für lange Zeit haben wir in Baracken gelebt, wurden wie asoziales Pack behandelt und nicht wenigen wurde in der Schule übel mitgespielt. Die wenigsten Lehrer gingen besonders pädagogisch mit den Kindern um. Wir waren nichts, besaßen nichts und wurden tagtäglich gehänselt, gedemütigt, ausgestoßen aus der neuen deutschen Gesellschaft, die eisern vorwärts strebte, um sich wieder etwas aufzubauen. Jeder hatte mit sich zu tun, da wollte man nicht auch noch das Elend des anderen sehen. Ich hatte kein Zuhause mehr, fühlte mich schutzlos ausgeliefert. Wie oft kommen mir diese Sätze in den Sinn: ‚Mir träumt, ich ruhte wieder vor meines Vaters Haus und schaute fröhlich nieder ins alte Tal hinaus. Die Luft mit linden Spielen ging durch das Frühlingslaub und Blütenflocken fielen mir über Brust und Haupt. Als ich erwacht, da schimmert der Mond vom Waldesrand, im fahlen Scheine flimmert um mich ein fremdes Land und wie ich ringsher sehe, die Flocken waren Eis, die Gegend war vom Schnee mein Haar vom Alter weiß.“

 

In dem Buch „Wenn das der Führer sähe“ erwacht Mohrau wieder zum Leben. Es geht um den Alltag in den 30er Jahren, um schlesische Bräuche, um Jahreszeiten – um das erste Automobil. Man kann ihn förmlich sehen, den Hof, auf dem die Familie Gröger lebte – zusammen mit dem Schwein namens Fritz, einer Kuh und drei Ziegen, sowie einer kleine Hühnerschar. „Besonders den Bauern in Schlesien ging es Ende der Zwanzigerjahre schlecht und so manch einer dachte daran, sein bisschen Hab und Gut zu verkaufen und sich in eine der entfernten Metropolen zu begeben. Doch dort, so hörte man, herrschte die große Arbeitslosigkeit, die vor allem die mittlere und ärmere Schicht der Gesellschaft traf. So blieben die Leute mit ihrem bisschen Hoffnung. Und warteten. Und bei nicht wenigen löste sich die Hoffnung allmählich auf, bis ihnen das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand.“

 

Akribisch genau verfolgt Roussety die Jahre zwischen 1932 bis 1945. Hier legte sie den Fokus auf die Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologien, insbesondere auf Kinder und Jugendliche. „Wir waren wieder eins. Vater las neugierig all die Artikel, und Mutter lauschte den überschwänglichen Stimmen aus dem Radio, die von nationalem Stolz berichteten. Dieser Siegestaumel steckte ein wenig an. Viel Zeit blieb einem jedoch nicht, sich dieser Freude hinzugeben. Für alle hieß es die Ärmel hochkrempeln und in die Hände spucken. Mutter machte sich bereit, ihren Eltern zu helfen, die zwei kleine Felder zu bewirtschaften hatten.“

 

Der Anfang vom Ende

Walter Gröger zieht freiwillig in den Krieg: Diese Gier nach Abenteuer, nach Heldentum. Es hatte ihn gepackt. Doch nach der Euphorie folgt die Ernüchterung. Die Familie erlebt einen traumatisierten jungen Mann, der über die miserablen Zustände bei der Marine berichtet. Wie Sklaven werden die Matrosen schikaniert, und insbesondere Walter wird permanent bestraft, weil er sich zur Wehr setzt. Nachts wacht er schweißgebadet auf. Damals weiß Walter schon, dass er auf die „Scharnhorst“ geschickt wird – das große deutsche Kriegsschiff. Aus einem anfänglichen Jugendtraum ist ein Albtraum geworden. 1943 erleben die Mutter und die Schwestern wieder ein Weihnachten ohne Vater und Bruder. Wie immer lädt Anna auch in diesem Jahr ihre Freunde und Nachbarn am 25. Dezember zu ihrem Geburtstag ein. Aber die Feiergesellschaft sitzt wie gebannt fast nur vor dem „Volksempfänger“. Bei allen ist die Euphorie gewichen, die Spannung steigert sich von Nachricht zu Nachricht. Mittlerweile gibt es kaum noch eine Familie, in der nicht der Verlust eines Sohnes, Bruders oder Vaters zu beklagen ist. Am 26. Dezember meldet der Reichssender den Verlust der „Scharnhorst“. Der große deutsche Traum, einfach untergegangen. Die „Scharnhorst“ ist nach einem Gefecht mit den Sicherungsschiffen des alliierten Konvois JW 55 B im Eismeer versunken. Von den 1600 Besatzungsmitgliedern werden nur 32 Mann geborgen. In Mohrau hofft die Familie, dass ihr einziger Sohn und Bruder dabei ist. Diese einzige positive Nachricht erfährt Anna Gröger allerdings nicht aus dem Radio, sondern von einer Nachbarin, deren Mann in der Wehrmacht einen hohen Rang bekleidet. Anna hat zu schweigen, muss die Beileidsbekundungen annehmen; innerlich hofft sie auf ein Wunder. Dieses Wechselbad der Gefühle ist kaum in Worte zu fassen. Ein paar Tage später erhält die Familie jedoch die amtliche Todesnachricht mit Bild: Im Februar 1944, als die Mutter sich ihrem Schicksal ergeben hat, trifft überraschenderweise ein Brief von Walter aus dem Wehrmachtsgefängnis ein. Er war nach einer durchzechten Weihnachtsfeier nicht auf sein Schiff zurückgekehrt …

Daraufhin wird er wegen Fahnenflucht gesucht, verhaftet und später erschossen.

 

Die Sätze Filbingers, mit denen er im Nachhinein versuchte, seine Taten zu rechtfertigen, erschüttern noch heute: „Ich habe kein schlechtes Gewissen. Im Gegenteil. Ich habe ein gutes Gewissen.“ und „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“